Bernhard Peter
Die Hochgötter Shiva, Brahma und Vishnu

 

1. Brahma:

Eigenschaften: Hinduistischer Hochgott. Bildet zusammen mit Shiva und Vishnu die Trimurti, die Dreieinigkeit der indischen Hochgötter. Brahma ist der Schöpfergott, der Weltenschöpfer, das Schöpfungsprinzip im Kosmos. Brahma ist das schöpferische Werkzeug des ewigen Brahman, sein Werkzeug zur Schöpfung. Brahma gilt als der erste Gott im Hinduismus, als erstes Lebewesen auf der Erde, und wird als der Schöpfer gesehen. Er ist der Leiter des Schicksals der Welten, Lehrer der Götter, Regierer der Welt und Herr der Götter. Damit steht er zwar gewissermaßen über allen anderen Göttern, beteiligt sich aber nicht an deren Handlungen. Brahma ist der Urpoet ritueller Gesänge. Er ist der Schutzherr der 64 Künste und Kunstfertigkeiten. Er hat die Fähigkeit, in die Zukunft blicken zu können. Er wohnt in Brahmaloka, seinem eigenen Himmel und Ort für in Schlachten gefallene Krieger. Von der Trias Brahma - Shiva - Vishnu, den drei grossen Göttern des Hinduismus, gilt Brahma heute als der Unbedeutenste, ihm sind in Indien kaum Tempel geweiht, seine Verehrung in Indien ist gering, am ehesten wird er noch als Offenbarer des Veda verehrt.

Familie: Brahma ist mit Saraswati vermählt. Sie ist seine treue Gemahlin und seine Shakti. Daneben hat Brahma noch eine Zweitgemahlin, die Göttin Gayatri. Brahma hatz viele Kinder, er hat sie aber nicht mit seinen Frauen gezeugt. Als Schöpfergott ist es für ihn viel einfacher, seine Nachkommen direkt aus seinen Körperteilen hervorgehen zu lassen. Brahma ist der Vater des Kamadewa und des Daksha.

Darstellung: Brahma ist ein reifer, bärtiger Mann von roter, gelber oder goldener Körperfarbe. Askese ist nicht sein Ding, auf den Abbildern erscheint er wohlgenährt. Er wird mit vier Köpfen dargestellt, die in alle vier Himmelsrichtungen blicken. Deshalb führt er auch den Beinamen Caturmukha – der Viergesichtige. Meistens wird er ebenfalls mit vier Armen dargestellt, die häufig dann die vier Veden Rigveda, Yajurveda, Samaveda und Atharvaveda, die heiligen Schriften des Hinduismus, halten. Wenn die vier Hände nicht diese halten, dann Kamandalu (Wassergefäß), Aksamala oder Mala (Rosenkranz), Pustaka (Veda-Buch) und Sruk (Opferlöffel). Was in welcher Hand ist, ist nicht festgelegt, manchmal bleibt auch eine Hand frei und formt eine Mudra (Geste), die sog. Abhaya-Mudra (Geste der Ermutigung) oder auch die Varada-Mudra (Wunscherfüllungsgeste). Er trägt die Brahmanenschnur (Yajnopavita), Schmuck und um den Hals gelegt eine große Blütengirlande. Ein Gazellenfell kann über die linke Schulter gelegt sein. Auf seiner Stirn trägt Brahma manchmal das shivaitische Zeichen (drei waagerechte Striche) oder auch das vishnuitische Zeichen (3 senkrechte Striche oder ein zungenförmiges Symbol mit senkrechter Mittellinie). Sein Reittier ist eine weiße Gans namens Hamsa. Sie ist Symbol der Reinheit und der Unterscheidungskraft.

Geschichte: Brahma ist als Stammvater der Wesen der Nachfolger des vedischen Prajapati. Brahma entsteht aus der Weltseele, dem Urgrund allen Seins, dem Brahman. Das Brahman kann als körperloses und eigenschaftsloses Absolutes nicht selbst schöpferisch tätig werden. Brahma wurde geboren, um dem Wunsch der Weltseele nach Schöpfung Ausdruck und Gestalt zu verleihen. Als Schöpfergott war er in der Lage, sich selbst zu erschaffen. Nach anderen Berichten ging er aus einem Ur-Ei hervor: Brahma bildete aus sich selbst heraus das Wasser, in welches er seinen Samen legte, aus dem sich ein goldenes Ei entwickelte, aus dem heraus Brahma selbst geboren wurde (Hiranyagarbha = der goldene Embryo). Nachdem Brahma 1000 Jahre in dem Ei zugebracht hatte, brach er die Schale mit der Kraft seiner Gedanken in zwei Hälften. Die Eihälften wurden zu Himmel und Erde. Erst später kam unter den Vishnuiten eine neue Geschichte der Schöpfung in Umlauf, die Brahmas Verdienst schmälerte: Nach dem letzten Weltuntergang ruhte Vishnu auf der Schlange Ananta. Als die Pause zwischen den Weltexistenzen rum war, entstand aus Vishnus Nabel eine Lotuspflanze, in deren Blütenkrone Brahma saß, um zum Urvater aller Wesen zu werden. Vishnu wurde damit in den Rang eines Urgottes erhoben, Brahma herabgestuft. Auch die Shivaiten versuchten, Brahma herabzusetzen: Er hätte einst fünf Köpfe besessen, Shiva habe ihm aber den fünften Kopf abgeschlagen. Nicht ernst zu nehmende Eifersüchteleien und Rivalitäten zwischen Hochgöttern eben.

Namen: Ein alternativer Name für Brahma ist „Svayambhu“ – „derjenige, der aus sich selbst entstanden ist“. Ein weiterer ist „Nabhija“ – „der aus dem Nabel Geborene“.

 

2. Vishnu:

Eigenschaften: Einer der drei männlichen Hochgötter des hinduistischen Pantheons, bildet zusammen mit Shiva und Brahma die Dreieinigkeit Trimurti. Vishnu gilt als der Welterhalter, der Erhalter des Lebens. Vishnu hat die Aufgabe, Götter und Menschen zu behüten und alles Böse zu bekämpfen. Vishnu ist im Vedismus ein Gott mit kosmischer Bedeutung, nicht bloß ein Held. Vishnu ist ein Wesen, das sich in der ganzen Welt, Himmel und Erde, ausgebreitet hat. Vishnu kommt aus der Ewigkeit und hat eine ewige Zukunft. Er hat schon viele Weltphasen (Yugas) durchlebt. Zwischen den weltphasen ruht Vishnu auf der Schlange Ananta. Wenn Vishnu eine neue Welt entstehen lassen will, wächst aus seinem Nabel ein Lotus empor, auf deren Blüte Brahma thront. Vishnu erschuf die drei Welten. Er hat dreimal die Erde in ihrer ganzen Größe abgeschritten, um Dämonen zu vertreiben. Man vergleiche die spätere Story vom Dämonenkönig Bali, die hier schon vorbereitet wird. Vishnu half den guten Göttern, den Suras, die schlechten Götter, die Asuras, zu besiegen. Im späteren Hinduismus kommt es zu einem unvergleichlichen Aufstieg des Vishnu zum Erhalter der Welt, der sich immer wieder als Avatara verkörpert, um die Welt zu retten und wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Vishnu ist einer der ganz großen Gewinner der Wandlung vom Vedismus zum Hinduismus, er steigt auf von einer Randfigur zum Herrn der Welt. Gemeinsam mit Shiva gehört Vishnu zu den wichtigsten und meist verehrtesten Göttern im Hinduismus.

Familie: Gatte der Lakshmi, der Göttin für Glück und Schönheit. Als Zweitgattin wird bei einigen Hindus Brahmas Gemahlin Sarasvati angesehen, was aber eher die Ausnahme ist.

Darstellung: Jugendlich aussehender strahlend schöner Gott in königlicher Kleidung und mit königlicher Kopfbedeckung (Kiritamukuta). Er trägt viel Schmuck (Halskette, Armspangen, Armreife und Ringe sowie auf der Brust das Juwel Srivatsa). Darstellung mit dunkelblauem oder schwarzem Körper (s.u.) und 4 Armen, in den Händen hält Vishnu seine Attribute Keule (Gada, symbolisiert Stärke und kennzeichnet Vishnu als denjenigen, der gegen die Dämonen zum Kampfe antritt), Muschelhorn (Sankha, wie der Schall des Muschelhornes alles durchdringt, durchdringt Vishnu als Erhalter Alles und alle Wesen), Diskus (Cakra) bzw. Sonnenscheibe oder auch Lichtring (alle Varianten als Symbol der Sonne), manchmal durch ein Rad (Symbol der gerechten Herrschaft) ersetzt, und Lotusblüte (Padma, Symbol der Reinheit, als Knospe Symbol Vishnus als Urheber der Schöpfung, geöffnet als Symbol der Schöpfung und des Universums). Mal sitzt er auf einem Lotus, mal ruht er er im Milchozean auf der Schlange Ananta, zu seinen Füßen Sri Lakshmi, während aus seinem Nabel eine Lotusblume entsprießt, auf der Brahma sitzt. Von seiner linken Schulter hängt eine Brahmanenschnur herab. Sein Reittier ist Garuda. Insgesamt werden 24 Erscheinungsformen Vishnus unterschieden. In der Darstellung unterscheiden sie sich jeweils durch die in den Händen gehaltenen Objekte. Diskus und Muschelhorn dürfen nie fehlen, aber die Verteilung der Attribute kann anders sein, einzelne Attribute können fehlen, bestimmte Gesten (Mudras) werden von den freien Händen geformt.

Warum haben Götter Waffen? Waffen gibt es, um Vasanas (Verhaltensmuster und Verlangen) in einem zu vernichten. Das göttliche Selbst kann nur erreicht werden, wenn sie zerstört werden. Die Vasanas verdecken unsere innewohnende Göttlichkeit.

Die Farbe Vishnus in den verschiedenen Weltphasen: Vishnu hat schon viele Weltphasen (Yugas) durchlebt, denn er kommt aus der Ewigkeit, er hat keinen Anfang und kein Ende. Je nach Weltphase wechselt Vishnu die Farbe:

Avatara: Seine Inkarnationen sind die Avatara. Avatara bedeutet „Herabsteigen“ – es handelt sich um göttliche Verkörperungen des Hochgottes. Avatare sind wie Boten, die die Götter den Menschen auf die Erde senden. Davon gibt es insgesamt 10, 9 davon sind bisher erschienen (Matsya, Kurma, Eber, Mensch-Löwe, Vamana, Parashurama, Rama, Krishna, Buddha), der zehnte, Kalkin, noch nicht. Als seine wichtigsten Inkarnationen gelten Rama, Krishna und Buddha. Dadurch wird der Buddhismus als Teil des Hinduismus gesehen.

Namen: Auch „Hari“ genannt. Oder: „Visvarupa“ ist „der Allgestaltige“.

 

3. Shiva:

Eigenschaften: "Höchster Gott". "Der Gnädige". Hochgott, einer der drei Götter, die zusammen Trimurti bilden. Gott der Zerstörung. Er gilt im Hinduismus als der mächtigste und meistverehrte Gott. Shiva gilt im Hinduismus als Zerstörer, aber auch als Erneuerer. Herr der Zeit. Shiva ist Gott der Gegensätze von unberechenbarer Doppelnatur: Er besitzt eine gute und eine furchtbare Seite. Er ist gütig und unheilvoll, er ist meditativ und ekstatisch, er ist schrecklich, aber auch mild und freundlich, er ist der Zerstörer, zugleich aber auch Erneuerer und Schöpfer der Welt. Gott der Fruchtbarkeit. Gott des Todes. Entspricht „Tamas“ – einer materiell-schweren Grundeigenschaft (Guna), der Tendenz zur Auflösung und Vernichtung. Herr der Berge. Shiva gilt als der Gott des Tanzes und der Feste (siehe unter Nataraja), aber auch als Gott der Meditation und der Keuschheit. Sein Wohnsitz ist Gjan Bapi.

Familie: Seine Frau ist Parvati, die "Tochter der Berge" – Durga – Uma – Kali. Ihre Söhne sind Ganesha und Kartikeja (Skanda).

Darstellung: Die Darstellungen richten sich nach dem dargestellten Aspekt. Als „Shiva neben dem Stier“ z. B. wird er stehend abgebildet, mit 1 Kopf, 4 Armen, in den Händen hält er einen Bogen (Dhanu), eine Gazelle (Mrga) und eine Axt (Parashu) (die beiden letzten Attribute werden gerne in Südindien benutzt), die vierte Hand stützt sich auf sein Reittier, den Stier Nandi. Auch das Reittier hat damit die unberechenbare Doppelnatur seines Herrn: mal dumpf-behäbig, dann wild-zerstörerisch. Je nach dargestelltem Aspekt können weitere oder auch andere Merkmale dargestellt werden: 3 Augen, von denen sich das dritte mitten auf der Stirn befindet; üppige, verflochtenen Haaren; einen Kranz von Totenschädeln um den Hals, Dreizack (Trisula), Sanduhrtrommel (Damaru), Muschel, ein blutiges Fell als Kleidung, Mudras mit freien Händen. Andere Darstellungen zeigen andere Details: Der lebensspendende Fluß Ganges entspringt oben am Kopf. Shiva trägt eine Mondsichel als Krone oder im Haar (Shiva als Herr der Zeit). Seine Kleidung ist aus Tiger- und Elefantenhaut gefertigt. Sein Hals, um den sich eine große Kobra windet, ist blau. Ferner trägt er einen heiligen Faden (yajnopavita) und Armreifen. Shivas Augen sind in der Darstellung als Meditierender halb geschlossen, d.h., weder ganz geschlossen, noch ganz offen. Es handelt sich um die sog. Sambhavi-Mudra. Geschlossene Augen zeigen an, daß sich Shiva von der Welt zurückgezogen hat. Geöffnete Augen weisen auf Shiva hin, der voll der Welt zugewendet ist. Die halb geschlossenen Augen bedeuten daher, daß Shivas Bewußtsein im inneren Selbst ruht, während sein Körper in der äußeren Welt aktiv bleibt. Shivas weiße Haut symbolisiert das Licht, das die Dunkelheit vertreibt, das Wissen, das Unwissenheit vertreibt. Eng mit Shiva verknüpft ist auch das Symbol Lingam (siehe auch unter Lingam, Phallussymbol, welches seine Schöpferkraft symbolisieren soll). Viele Saddhus, heilige Asketen, sind Anhänger Shivas und symbolisieren dies meist durch den Shiva-Dreizack und eine zweifellige Trommel.

Der Dreizack (Trisula) - wichtiges Symbol der Shivaisten: Das Symbol des Dreizacks kann vielfältig interpretiert werden. Im einzelnen repräsentieren die drei Zacken:

Erscheinungsformen und Aspekte: Shiva besitzt 28 verschiedene Erscheinungsformen. Sie werden nicht wie bei Vishnu als Avatara bezeichnet. Sie folgen auch nicht zeitlich aufeinander. Diese 28 Erscheinungsformen lassen sich in mehrere Gruppen bündeln, den Aspekten (murti) Shivas, davon gibt es fünf:

Geschichte: Shiva ist aus dem vedischen Gott Rudra hervorgegangen. Viele 100e andere Götter Indiens gehen aus Shiva in Form von Reinkarnationen und Manifestionen oder als Verwandte hervor.

Namen: Der Name Shiva bedeutet wörtlich "günstig, vielversprechend". Alternativ Sankara – der Heilbringer, Sadashiva – Shiva der Ewige, Vishvanatha – Herr des Alls. Shiva wird auch Nilakantha ("Blauhals") genannt, weil er das Gift trank, das die Welt zu zerstören drohte, als die Götter und Dämonen den Milchozean quirlten, um das Lebenselixier zu gewinnen. Das Gift blieb in Shivas Hals, wodurch die äußere Welt und auch Shiva selbst gerettet wurden. Aber das Gift färbte seinen Hals blau. 

 

4. Harihara:

Doppelgottheit - die beiden Götter Shiva und Vishnu zusammen. Hari ist dabei ein Aspekt des Hochgottes Vishnu. Hara ist eine Erscheinungsform Shivas - "der Ergreifer". Soll die wechselseitige Abhängigkeit von beiden ausdrücken. Harihara wurde im 9. Jh. geschaffen. Seine linke Seite trägt die Attribute Vishnus – Diskus und Muschelhorn, die rechte Seite repräsentiert Shiva mit Ermutigungsgeste und Dreizack. Links trägt er den Schmuck und die Kleidung Vishnus, rechts die asketische Tracht Shivas. Der Versuch, beide Götter zu verschmelzen, war eine nette Idee, aber sie konnte nicht verhindern, daß Vishnuismus und Shivaismus bis heute nebeneinander bestehen.

 

5. Trimurti:

Dreifachgottheit, Hinduistische Dreieinigkeit, bestehend aus den drei Hochgöttern Brahma, Shiva und Vishnu. So stellen sie jeder für sich nur einen Aspekt des vereinigenden Trimurti dar.

 

Lexikon der hinduistischen Mythologie:
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