Bernhard Peter
Kalender und Zeitrechnung:
Kalendersysteme der Türkei: Maliye, Hicri und Miladi

Name der Zeitrechnung: Maliye-Kalender, MI, türkisches Finanzjahr, türkischer Finanzkalender
Kalenderwechsel am: Wie in vielen islamischen Staaten war auch im Osmanischen Reich der islamische Mondkalender in Gebrauch. Wegen des "Durchrotierens" der Monate und damit auch des Jahresanfanges ergaben sich praktische Schwierigkeiten, insbesondere bei der Steuerfestsetzung und Steuereintreibung, weil der Mondkalender keine Rücksicht auf die Jahreszeiten und insbesondere die Erntezeiten nahm. Deshalb wurde ein spezieller Steuer-Kalender geschaffen, der sich am Sonnenjahr orientiert, so daß der Steuertermin immer zur gleichen Jahrszeit zu liegen kam. Der Maliye-Kalender war in seinem Wesen ein Rückgriff auf den seleukidischen, julianischen bzw. byzantinischen Kalender. Wegen der vielfältigen Anforderungen an diesen Kalender und der schrittweisen Orientierung der türkischen Politik hin zu Europa war der Kalender im Laufe der Zeit vielfältigen Änderungen unterworfen:

Wichtige Anpassungen und Änderungen in den Kalenderreformen:

  1. 1087 MI (1676 AD) Vorverlegung des Jahresbeginns von September auf 1. März durch den Bas Defterdar (oberster Finanzdirektor) Hasan Pasa
  2. 1204 MI (1790 AD) Neue Regel für die Bestimmung der Jahreszahl (s. u.)
  3. 11. März 1256 MI (13. März 1840 AD) Einführung des julianischen Kalenders für den Finanzverkehr, unter Beibehaltung der bisherigen Jahreszählung.
  4. 1288 MI (1872 AD) Neue Regel für die Bestimmung der Jahreszahl (s. u.)
  5. Gesetz vom 8. Februar 1917 AD (1332 MI) Umstellung auf den gregorianischen Kalender zum 1. März 1917, genannt "westlicher Kalender", takvim-i garbi, Ende der Maliye-Monate, Monatsbeginn ab jetzt genau wie bei uns, Jahresbeginn am 1. Januar. Bei der Umstellung gingen 13 Tage und 2 Monate verloren.
  6. Gesetz vom 26. Dezember 1925 Einführung der abendländischen Jahreszählung AD, genannt "Internationaler Kalender", Beynelmilel Takvim, Ende der Maliye-Jahreszahl. Mit einem Schlag zeigte die Jahreszahl 585 Jahre (584 Differenz plus Jahreswechsel) mehr an! Denn auf 1341 MI folgte 1926 AD.
  7. 1945 Umbenennung einiger Monate, sie bekommen türkische Bezeichnungen.
  8. 1983 Das fiskalische Jahr wird umgestellt, es beginnt nicht mehr im März, vollständige Abschaffung des letztes Reliktes des Maliye-Kalenders
Zählung ab (Ereignis), Zählweise: Ab 1 AH = 16. Juli 622, Hidschra = Auswanderung Muhammads aus seiner Heimatstadt Mekka nach Medina, wo er das erste islamische Staatswesen gründete.

Wichtige Besonderheit: Diskontinuierliche Jahreszählung! Die Maliye-Jahre gehen nicht durch, es gibt Lücken (sog. Siwisch-Jahre)!

Problem: Für die Jahreszählung nahm man das Jahr, das gerade im zeitversetzt parallel verlaufenden islamischen Mondjahr aktuell war. Nur - der Jahresanfang rotiert und wandert im Vergleich zum Maliye-Jahr rückwärts. Es gab also mehr Hidschri-Jahre als Maliye-Jahre. Jedes Sonnenjahr ist 11 Tage länger als ein Mondjahr.

Lösung 1: Regel: Maßgeblich ist die Jahreszahl des islamischen Mondkalenders, die in der größeren zeitlichen Überlappung gilt. Wenn z. B. das Hidschri-Jahr im Oktober von 1234 auf 1235 springt, war im Maliye van 1. Januar bis 31. Dezember das Jahr 1234. Diese Regel galt bis 1087 MI (1676 AD).

Lösung 2: Jedes Sonnenjahr ist länger als ein Mondjahr, also muß immer mal wieder ein Jahr ausfallen. Ca. alle 33 Jahre fiel deshalb ein Jahr in der Maliye-Zählung aus, weil man sonst den Anschluß an die Mondjahreszählung verliert. Diese "nicht existierenden" Jahre wurden "Siwisch-Jahre" genannt. Diese Regel galt bis 1288 MI (1872 AD). Das betraf die Jahre:

885 MI (1480 AD) - Siwisch-Jahr
919 MI (1513 AD) - Siwisch-Jahr
953 MI (1546 AD) - Siwisch-Jahr
986 MI (1578 AD) - Siwisch-Jahr
1020 MI (1611 AD) - Siwisch-Jahr
1053 MI (1643 AD) - Siwisch-Jahr
1087 MI (1676 AD) - Kein Siwisch-Jahr! Durch Vorverlegung des Jahresbeginns entfallen
1104 MI (1693 AD) - Siwisch-Jahr
1137 MI (1725 AD) - Siwisch-Jahr
1171 MI (1758 AD) - Siwisch-Jahr
Alle genannten Siwisch-Jahre gibt es also nur im islamischen Mondkalender, nicht aber im Maliye-Kalender!
1204 MI (1790 AD) - Kein Siwisch-Jahr! Durch einen weiteren Trick entfallen: Neue Regel: Die Jahreszahl, die für den islamischen Mondkalender am 1. März gilt, gibt auch das Maliye-Jahr an.
1221 MI (1807 AD) - Siwisch-Jahr
1255 MI (1840 AD) - Siwisch-Jahr
1288 MI (1872 AD) - Kein Siwisch-Jahr! Es fiel einfach aus. Ende mit den Siwisch-Jahren. Maliye-Zählung und Jahreszahl des islamischen Mondkalenders gehen getrennte Wege und laufen auseinander. Die Maliye-Zählung entwickelt sich ab 1840 also kontinuierlich.

Die Maliye-Zählung endet 1925. Auf den 31. Kanunuevvel 1341 MI folgte der 1. Kanunusani 1926 AD = 1926 MI.

Typ des Kalenders: Sonnenkalender, der an den Mondkalender anknüpft. Die genaue Methode wechselte im Laufe der Geschichte.

1. ) Vor 1840 AD: Maliye-Rechnung ist in der Tages- und Monatszählung identisch mit dem Stil, wie er auch von den Byzantinern benutzt wurde.

2.) 11. März 1256 MI (13. März 1840 AD) - 1917 AD Julianischer Kalenders für den Finanzverkehr, unter Beibehaltung der bisherigen Jahreszählung.

3.) Ab 1917 AD: gregorianische Tages- und Monatszählung. Auf den 15. Schubat 1332 MI (15. Februar 1917 AD) folgte der 1. Mart 1333 MI (1. März 1917 AD).

Jahresbeginn am: 1.) Der Jahresbeginn lag ursprünglich nach byzantinischem Vorbild im September. Das letzte Neujahr im September fand 1087 MI (1676 AD) statt.

2.) 1087 MI (1676 AD) Vorverlegung des Jahresbeginns auf den 1. März. Das erste Neujahr am 1. Azer fand im Jahr 1677 AD (1088 MI) statt. Ziel der Maßnahme war die Vermeidung eines Siwisch-Jahres (s.u.). Das Jahr 1087 war also kurzes Jahr, es dauerte vom 1. September 1676 bis zum 28. Februar 1677. Das Maliye-Jahr begann ab da 240 Jahre lang am 1. März und endet mit den unterschiedlichen Schalttagen im Februar.

3.) Gesetz vom 8. Februar 1917 AD, Vorverlegung des Jahresbeginns auf den 1. Januar. Auf den 31. Kanunuevvel (Dezember) 1333 MI folgte der 1. Kanunusani (Januar) 1334 MI. Das Jahr 1333 war also ein Kurzjahr von März bis Dezember 1917 AD.

Wochenstruktur:

1 Woche mit 7 Tagen. Herausgehoben ist der Freitag als Versammlungstag und Tag des Gemeinschaftsgebetes. Der Freitag ist aber kein Ruhetag im Sinne von unserem Sonntag.

Namen der Wochentage:

Samstag = Cumartesi
Sonntag = Pazar
Montag = Pazartesi
Dienstag = Sali
Mittwoch = Çarsamba
Donnerstag = Persembe
Freitag = Cuma
Monate: Anzahl und Länge 12 Monate zu 28 (Subat), 30 und 31 Tagen.
Monatsnamen: Osmanisch (Maliye, bis 1945):
Januar = Kanun II, Kanunusani
Februar = Subat
März = Azer (später auch Mart)
April = Nisan
Mai = Mayis (früher auch Ijar)
Juni = Haziran
Juli = Temmuz
August = Ab (später auch Agostos)
September = Eylül
Oktober = Tisrin I, Tisrinievvel
November = Tisrin II, Tisrinisani
Dezember = Kanun I, Kanunuevvel
Ausgleich, Schaltjahre, -Tage, Monate Schalttage am Ende des Februars. Die Schalttage folgen vor 1917 dem julianischen System, nach 1917 dem gregorianischen Stil.

Eine Spezialität des Maliye-Kalenders sind die Siwisch-Jahre - keine zusätzlichen Jahre, sondern ausfallende Jahre, die weggelassen wurden, um mit dem schnelleren Mondkalender Schritt zu halten. Es handelt sich um den einzigen mir bekannten Fall, wo ein Sonnenkalender "negative" Schaltjahre hat, um sich der Jahreszählung nach dem Mondkalender anzupassen! Absolut einzigartig!

Umrechnung in christliche Zeitrechnung 1676 AD - 1840 AD: AD = MI *32/33 + 622 (circa!) unter Auslassung bestimmter Jahre

1840 AD - 1925 AD: AD = 584 + MI (März-Dezember, Januar-Februar 1 mehr)

Ab 1926: AD = MI

Besonderheiten, Bemerkungen: 1.) Es gibt heute vier verschiedene Kalenderstile in der Türkei: "Beynelmilel Takvim", "Hicri", "Maliye" und "Maliye 1917". Türkische Kalender und Zeitungen geben meist drei davon an.
  • "Beynelmilel Takvim" beinhaltet sämtliche Kalenderreformen und ist identisch mit unserem gregorianischen Kalender. Seit 1945 verwendet er die unten aufgeführten modernen (türkischen) Monatsnamen. In der Türkei wird dieser Kalender meist als "Miladi Takvim" oder nur als "Miladi" bezeichnet. Das Wort "Miladi" bezieht sich auf die Geburt Jesu.
  • islamischer Mondkalender, Hicri (zählt ab dem 16. Juli 622, Epoche 16, reiner Mondkalender mit 354/355 Tagen im Jahr ohne Anbindung an das Sonnenjahr oder Jahreszeiten), bestimmt alle religiösen Daten.
  • "Maliye" beinhaltet sämtliche Kalenderreformen der Türkei. Er ist praktisch identisch mit dem gregorianischen Kalender. Einziger Unterschied ist die Verwendung der osmanischen Monatsnamen ungeachtet ihrer Abschaffung 1945. Wird heute selten noch angegeben, weil vollständig durch Miladi ersetzt.
  • "Maliye1917" oder "Rumi" oder "Rumi-Maliye" vollzieht die Einführung des abendländischen Kalenders nicht mit, er rechnet auch heute noch nach den seit 1872 geltenden Regeln, als ob es die Reformen ab 1917 nicht gegeben hätte:
    • Zählung ab der Hidschra, aber keine Gleichheit der Jahreszahl mit der des islamischen Mondkalenders, keine Siwisch-Jahre
    • julianischer Kalender als Grundlage
    • Keine Kongruenz der Monate mit denen des gregorianischen Kalender
    • Verwendung der alten, osmanischen Monatsnamen

2.) Die oben genannten Monatsnamen waren bis 1945 AD in Gebrauch. Durch Gesetz Nr. 4696 vom 10. Januar 1945 AD wurden für die Monate Tischrin I, Tischrin II, Kanun I, und Kanun II "echttürkisch" Bezeichnungen eingeführt, so daß sich ab da folgende Bezeichnungen ergeben:

  • Türkisch (ab 1945 AD):
    • Januar = Ocak
    • Februar = Subat
    • März = Mart
    • April = Nisan
    • Mai = Mayis
    • Juni = Haziran
    • Juli = Temmuz
    • August = Agustos
    • September = Eylül
    • Oktober = Ekim
    • November = Kasim
    • Dezember = Aralik

3.) Warum die vielen Kalenderreformen? Zwei Gründe mag es dafür geben:

  • Siwisch-Jahre waren verwaltungstechnisch äußerst hinderlich, man kam beim Rechnen durcheinander. Wenn möglich, versuchte man durch Tricks wie Verlegung des Jahresanfangs (1087 MI (1676 AD)) oder Einführung neuer Regeln (1204 MI (1790 AD)) ein Siwisch-Jahr in seiner eigenen Amtszeit zu vermeiden.
  • Die Kalenderreformen sind auch ein Zeichen für die schrittweise Annäherung der Türkei an europäische Systeme, für die Wandlung von einem islamischen Staat eines Oghusenstammes zu einem Eckpfeiler des modernen europäischen Kontinentes, eine Entwicklung, die vor allem durch Atatürk vorangetrieben wurde und schließlich dazu geführt hat, daß die moderne Türkei ein hochgeachteter Partner der Europäischen Union ist.

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